Kita-Streik: Was ist uns die Zukunft wert?

  • Illustration: ver.di

Kitas werden in diesen Tagen bestreikt. Schon knapp jede_r zehnte Beschäftigte in den Sozial- und Erziehungsdiensten öffentlicher Einrichtungen hat die Arbeit niedergelegt. Die Streikenden verlangen eine höhere Eingruppierung im Tarifgefüge des öffentlichen Dienstes und von den kommunalen Arbeitgebern ein verhandelbares Angebot. Und sie wollen, dass die Politik den Kommunen mehr Geld für den Ausbau von Kitaeinrichtungen und für weiteres Personal zur Verfügung stellt. Aber nicht nur das: Sie kämpfen auch dafür, dass ihre Arbeit besser anerkannt wird.

Raffgierige Erzieher_innen?
Nicht jeder hat für die Streikenden Verständnis: „Erzieher_innen werden doch ausreichend bezahlt! Wieso wollen sie denn jetzt mehr verdienen? Mehr als zum Beispiel Installateure oder Tischler?“ Die Antwort: Weil die Anforderungen an ihre Arbeit enorm gestiegen sind! Ihre Leistung muss besser gewürdigt werden! Und dazu gehört auch ein höheres Gehalt.

Masse statt Klasse ist an der Tagesordnung
Vor sieben Jahren hat die Bundesregierung entschieden: Jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr hat Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Also einfach mehr Kitaplätze schaffen und dann ist das Problem gelöst? Fehlanzeige! Die Idee klang gut, die Voraussetzungen für die Umsetzung fehlten. In den meisten Kitas herrscht Personalnot.

Und nicht nur mehr Kinder sollten von jetzt auf gleich betreut werden. Gleichzeitig sollten sie auch besser betreut werden. Denn Eltern und Gesellschaft erwarten heute von der Erziehungsarbeit viel mehr als einfach nur zusammen im Sandkasten sitzen oder Kinder beaufsichtigen.

Das bedeutet: An Erzieher_innen werden ganz neue Anforderungen gestellt 

  • Sie sollen jedes Kind individuell fördern, denn die Forschung in der Bildungsökonomie zeigt: Eine gute frühkindliche Bildung entscheidet über eine positive Entwicklung im Erwerbsleben.
  • Kita-Erzieher_innen bestimmen über den Bildungsverlauf eines Kindes mit: Sie bewerten, wie erfolgreich die Erziehung bisher war und ob sich die Kinder gut entwickeln. Damit übernehmen sie Verantwortung, die mit der von Grundschullehrern vergleichbar ist.
  • Sie müssen flexibel und äußerst stressresistent sein: Eine hohe Anzahl von Kindern kann einfacher in „offenen Gruppen“ betreut werden. Das bedeutet aber auch: Jeder Erzieher muss sich ständig auf neue Kinder einstellen. Feste Gruppen und Bezugserzieher gibt es nicht. Schon junge Erzieher_innen fühlen sich damit überfordert.

Mehr Kinder betreuen, gleichzeitig jedem Kind bessere Bildungsqualität zukommen lassen: In diesem Spannungsfeld sind Erzieher_innen gefangen. Und sie wissen auch: Selbst wenn ihnen ein höherer Status zuerkannt wird und sie besser entlohnt werden, wird sich das Problem des Personalmangels in Kitas nicht lösen.

Bildung darf kein Luxusgut werden
Darauf läuft der Protest hinaus: Frühkindliche Bildung darf kein Luxusgut werden. Es darf nicht so weit kommen, dass gute Betreuung in privaten Kitas teuer erkauft werden muss, für Hunderte von Euro im Monat zusätzlich. Gute Förderung muss für jedes Kind selbstverständlich sein. Und für gute institutionelle Erziehung muss ausreichend investiert werden. In anderen Ländern ist dies schon eine Selbstverständlichkeit. Aber Deutschland erfüllt noch immer nicht die Soll-Vorgabe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese sieht für den Bildungsbereich im Vorschulalter vor, dass hierfür mindestens ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes investiert werden. In Deutschland sind es aber gerade nur 0,6 Prozent. Es besteht also dringend Handlungsbedarf!

Die Streikenden brauchen (eure) Unterstützung!
Das Problem der Streikenden: Durch ihre Arbeitsniederlegung entsteht kein direkter wirtschaftlicher Schaden. Daher können sie durch Streik allein nur wenig Druck auf die Politik ausüben. Deshalb geht es jetzt um Solidarität: Die Bevölkerung muss die streikenden Erzieher_innen geschlossen unterstützen und ihre Argumente weitertragen. Hier sind wir als Gewerkschafter_innen gefragt. Nur durch gelebte Solidarität können die Ziele erreicht werden. Kämpft mit! Sprecht im Kolleg_innen- und Bekantenkreis über den Konflikt. Schreibt an eure Lokalpolitiker_innen. Mehr dazu hier auf unseren Kampagnenseiten. 

Gemeinsam stark. Für eine gute Erziehung. Für die Zukunft unserer Kinder.